17. 01. 2007
Ilse Brandner-Radinger

Medienkonzentration

Dr. Ilse Brandner-Radinger studierte Publizistik und Kulturgeschichte; als Journalistin zuerst bei ‚Die Frau', dann zehn Jahre bei der ‚Arbeiterzeitung' (Ressortleiterin Innenpolitik) und heute Generalsekretärin des Presseclub Concordia; seit zwei Jahren im Publikumsrat des ORF.


Zusammenfassung:

Die Medienkonzentration ist in Österreich außergewöhnlich hoch, am Printsektor sogar weltweit einzigartig! Mit der marktbeherrschenden Stellung einiger weniger Unternehmen sind gesellschafts- und demokratiepolitische Risiken verbunden: Menschen orientieren sich an der öffentlichen Meinung, Mehrheitsmeinungen werden dadurch stärker. Deshalb ist die Meinungsvielfalt von Veröffentlichungen wichtig.
Die Medienkonzentration in Österreich ist ein Ergebnis verfehlter Medienpolitik. Gesetzliche Regelungen wurden zu spät erlassen und bestehende Rechte nicht konsequent genug umgesetzt, zum Beispiel bei den Einkäufen der Mediaprint - Stichwort ‚Formil'-Fusion.
Zur Mediaprint, dem größten Printmedienunternehmen Österreichs, gehören u. a. ‚Kronen Zeitung' und ‚Kurier', ‚Profil', ‚News', ‚Format' und zahlreiche andere Magazine.
Das zweitgrößte Printmedienunternehmen ist Styria, mit den Tageszeitungen ‚Kleine Zeitung', ‚Die Presse' und ‚Wirtschaftsblatt', dazu Wochen- und Monatszeitschriften und Rundfunkbeteiligungen. Styria ist zunehmen auch in Kroatien und Slowenien aktiv.
Der größte Medienbetrieb Österreichs ist der ORF, sein Umsatz beträgt nahezu das Doppelte vom Mediaprint-Umsatz.


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Medienkonzentration wird dann zum Problem, wenn einzelne Gruppen eine marktbeherrschende Stellung einnehmen. Die wirtschaftliche und meinungsbildende Machtposition der Marktführer kann zu gesellschafts- und demokratiepolitischen Defiziten führen. In allen westlichen Demokratien ist eine gewisse Medienkonzentration vorhanden, in Österreich ist das Ausmaß aber außerordentlich hoch, die Konzentration der Printmedien ist weltweit einzigartig!
Bereits in den 1960er Jahren beschäftigte sich Prof. Elisabeth Noelle-Neumann mit den Mechanismen der Meinungsbildung. In ihrer Theorie der ‚Schweigespirale' beschrieb sie, wie sich Menschen an der öffentlichen Meinung orientieren, abweichende Meinungen verschweigen und Mehrheitsmeinungen dadurch stärker werden. So entsteht ein verzerrtes und manipuliertes Meinungsbild der Gesellschaft.
Auch in einem kleinen Land wie Österreich kann es Medienvielfalt geben, das zeigt das Beispiel der Schweiz, die einen sehr vielfältigen Zeitungsmarkt hat. Als Ursache der Medienkonzentration in Österreich ist ein Versagen der Medienpolitik seit 1945 zu sehen. In Österreich wurden gesetzliche Regelungen zum Schutz der Medienvielfalt, zum Beispiel das Kartellrecht, nie ernsthaft eingesetzt, fallweise wurden Gesetze zwar verschärft - aber immer erst im Nachhinein und nie rückwirkend.
Als in Deutschland das Kartellrecht strenger wurde, begannen sich ausländische Verlage in Österreichs Medien einzukaufen, beginnend mit der Beteiligung der WAZ an der ‚Kronen Zeitung' und später am ‚Kurier'. Mit Gründung der Mediaprint waren dann erstmals Druck, Vertrieb und Anzeigengeschäft beider Zeitungen unter einem Dach. Die ‚Kronen Zeitung' hat eine weltweit einzigartige Marktstellung, fast die Hälfte aller ÖsterreicherInnen ab 14 Jahren liest die ‚Krone'! Gemeinsam mit dem ‚Kurier', immerhin drittstärkste Tageszeitung in Österreich, haben die beiden Mediaprint-Produkte einen Marktanteil am Zeitungssektor von ca. 54 %.
Die Mediaprint übernahm nach und nach auch andere Medien- und Druckunternehmen, z. B. die Druckerei des Vorwärts-Verlags. Durch neue Angebote im Vertrieb, wie die Hauszustellung, kamen andere Zeitungen unter Zugzwang. Heute ist die Mediaprint das größte Printmedienunternehmen Österreichs. Neben ‚Kronen Zeitung' und ‚Kurier' gehören dazu u. a. ‚Profil', ‚Format' und ‚News'. Am Magazinsektor dominiert die Mediaprint unangefochten: seit der ‚Formil'-Fusion gibt es für MagazinjournalistInnen in Österreich praktisch nur mehr einen Arbeitgeber. Die Umstände und politischen Hintergründe dieser Fusion, die kartellrechtlich mehr als kritisch war, wurden nie ganz geklärt.
Die Eigentumsverhältnisse im Printmediensektor waren und sind sehr verflochten: zum Beispiel beteiligte sich 1988 der Springer Verlag an der Gründung von ‚Der Standard', seit 1995 ist stattdessen die ‚Süddeutsche Zeitung' beteiligt. Auch die Magazin-Projekte der Brüder Fellner wurden mit Springer-Geld gestartet. Der Schwedische Medienkonzern Bonnier war an der Gründung vom ‚Wirtschaftsblatt' beteiligt, das heute zu Styria gehört.
Die Styria Medien AG ist nach der Mediaprint das zweitgrößte Medienunternehmen am Printsektor. Neben der Beteiligung am ‚Wirtschaftsblatt' gehören dazu ‚Die Presse' und die ‚Kleine Zeitung', die Wochenzeitschrift ‚Die Furche', das Fernsehmagazin ‚Tele', einige Magazine, Sachbuchverlage und Anteile an Radiostationen. Heute ist Styria zunehmend auch in Kroatien und Slowenien aktiv.
Nicht zu vergessen das größte Medienunternehmen Österreichs, der ORF: sein Jahresumsatz beträgt immerhin fast das Doppelte der Mediaprint! In den nächsten Jahren wird sich für den ORF viel verändern. Die Umstellung auf digitales Fernsehen bringt mehr Konkurrenz durch ausländische Programme, die mit wesentlich billigeren Werbetarifen die Einnahmen des ORF gefährden. Die Konkurrenz wird auch durch neue Informationsformate via Internet verstärkt (Streaming). Andere Sender, z. B. BBC, bereiten sich bereits intensiv auf die kommenden Veränderungen vor.


Aus der Diskussion:

Auflagezahlen werden von der Österreichischen Auflagenkontrolle erhoben und bilden die Grundlage für Anzeigenpreise. Die Druckauflagen waren z. B. im Jahr 2005
Kronen Zeitung 998.000
Kleine Zeitung 298.000
Kurier 251.000
Die Presse 125.000
Der Standard 105.000
Nach der Zugriffsstatistik bei Online-Medien sind die drei am häufigsten besuchten Webseiten von Medien in Österreich in dieser Reihenfolge:
ORF - News - Der Standard.
Die inhaltliche Einflussnahme von Herausgebern, Eigentümern und Beteiligten ist gering - solange das Geld stimmt. So wurde z. B. der Konflikt zwischen WAZ und Dichand durch einen (leichten) Auflagerückgang der ‚Kronen Zeitung' ausgelöst und hatte keine inhaltlichen Gründe.
Die neue Tageszeitung Österreich ist ein Konkurrenzprodukt zur Kronen Zeitung, die Entwicklung dieses Projektes ist jetzt noch nicht absehbar.
Alle Qualitätszeitungen haben finanzielle Probleme. Ausländische Produkte machen den österreichischen Qualitätszeitungen kaum Konkurrenz. Die Süddeutsche Zeitung hat einmal einen Einstieg in Österreich überlegt, doch verworfen - der Markt ist zu klein.